26.10.06

Die Riesen-Rampe

21.10.06, 3.30 Uhr
Nach sechseinhalb Stunden Fahrt Einbiegen auf den dunklen Parkplatz. Ganz schönes Gegurke die 550km von Dunedin nach Kaikoura. Dunedin-Christchurch ist besonders beschissen langweilig. Diese Straße will absolut nicht mit dem Rest von NZ harmonieren. War nach der Arbeit schnell zur Wohnung gehastet, aber bis der ganze Plunder und die Schmette sortiert und verstaut waren vergingen satte 2 Stunden. So eine kurze Nacht wird der Bergfahrt abträglich sein, soviel steht schon fest.

6.10 Uhr
Mit Schlafen klappt nicht so richtig, Mount Fyffe ist schließlich nicht irgendein furziger Hügel, sondern Teil der Kaikoura Seaward Range und der brutalste MTB-Anstieg Neuseelands (jedoch nicht der höchste). Von Meeres- auf Schneekoppenniveau (1602m) in 20km. Das ist an sich schon kernig, aber das eigentliche Bonbon sind die letzten 8km. Am Anfang dieses Abschnittes, nach 12km, hat man nämlich gerade mal 200m Höhe erreicht, und die restlichen 1400 sind noch zu machen. Heißt 17.5% Durschnittssteigung auf Schotterwegen. Das kann ja was werndu. Eine Mischung aus hibbeliger Vorfreude und Lärm von vorbeidonnernden Güterzügen auf der Main Trunk Line Picton-Christchurch verhindern essentiellen Schlaf. Und plötzlich vergreift sich jemand am Skyline. Ich glaub mich hackts. Scheibenwischer angehoben und flugs ne Bezahlaufforderung druntergeschoben, Camping Fees. Bei Nichtbezahlung strafrechtliche Verfolgung. Kurz nach 6 in der Frühe. Bin ich hier in Deutschland oder was??

6.50 Uhr
Die morgendliche Sonne ballert durchs Heckfenster. Sinnlos. Aufstehen.


9.15 Uhr
0m üNN. Es geht los. Vorher noch die restlichen paar km nach Kaikoura gefahren, bei den Whale Watching - Leuten geparkt, Heldenfrühstück inhaliert und Kalesche komplettiert. Heute bricht besser nichts ab von dem Haufen. Innenlager zeigt Verschleiß, Kurbeln haben schon 5mm Spiel. Wird gehen müssen, es sind ja bloß 40km, höhö (und 1,6 nach oben, Mist). Rolle langsam aus dem Ort, Energie sparend.


10.05 Uhr
Mt Fyffe - Parkplatz, 200m üNN. Frustrierende Anfahrt. Die ganze Zeit glotzt mich der Berg an, und die Perspektive ändert sich langsamer als so manches Gebirge sich bildet. Hier unten ist Sommer, aber der Gipfel zeigt Schneeflecken. Wird ganz schön ziehen da oben. Man denkt der Berg steht direkt am Meer, aber es sind 10km Luftlinie und 15 auf meiner nicht ganz optimalen Strecke durch das Schachbrett-Straßennetz zwischen den Kuhweiden der Kaikoura Plain. Nach der Hälfte der Strecke wird aus dem kühlen Rückenwind vom Meer ein ruppiger, warmer Gegenwind von 25 Grad. Das NZ-Wetter ist ein Faszinosum. Egal, der Fuß der Königsrampe ist erreicht. Der Gipfel ist nicht zu sehen von hier, der Wald ist dicht. Ab hier gehts für alle nur noch per Bike oder zu Fuß weiter, denn eine Schranke versperrt den Weg und der Anstieg klappt ultimativ nach oben. Sofort wird klar, dass lockeres, schonendes Fahren mit betont kleinen Gängen hier nicht funktioniert. Hier hilft nur Gestempel und Gepresse im kleinsten aller Gänge von Anfang an, Kinn überm Vorbau damit das Vorderrad am Boden bleibt. Bis noff.

11.18 Uhr
Irgendwo zwischen 750 und 1000m üNN. Kurze Prüfung der Urzeit. Stunde auf der Rampe. Gefühlte 3 geht das Gewürche schon. Bei optimalen Bergen ist das meistens andersrum. Das heißt der Berg ist nicht das Optimum, sondern frisst mehr Energie pro Höhenmeter als gut ist (wie das auch ein zu flacher Anstieg tut). Daran ist auch der Dauer-Klimmzug am Lenker schuld. Alle Wiegetrittversuche resultieren in Traktionsverlust und sofortigem Absteigenmüssen. Die Ohren knacken. Der Schweiß rinnt. Das muss doch mal kühler werden so langsam hier mensch du. Aber der starke Nordwester, der nahenden Tiefdruckgebieten vorausgeht, ist der wärmste Wind hier auf der Insel und wird immer unwirscher. Das gibt noch Mistwetter heute, 15 Uhr wird die Front in Christchurch erwartet, und in Dunedin schneits schon bis auf 400m runter. Der Weg war bis jetzt fast die ganze Zeit an der Grenze des Fahrbaren. Grob-Steinige Abschnitte, zum Glück kurz, müssen geschoben werden, es ist mit diesem Fahrrad und diesem Gang (22:28) physikalisch nicht möglich, diese zu befahren. Alle 250hm kommt ein Schild mit der Höhenangabe, wie zum Hohn. Ab und zu krachts im Getriebe, die neue Kette ist doch noch nicht 100% eingefahren/ausgenuddelt. Auf der linken Seite entfaltet sich ein unglaubliches Bergpanorama, rechts sinkt die Kaikoura Plain immer weiter nach unten, und das Meer wird sichtbar. Wie beim Flugzeugstart, nur viel viel langsamer. Entgegenkommende Leute entgegnen Zeug wie "Good Luck".

11.43 Uhr
1090m üNN. Das sollte man nicht für möglich halten - es geht bergab. Ungefähr 2 Höhenmeter. In der Mulde steht eine Hütte - Mt Fyffe Hut. Gut besucht von Wanderern und mit spektakulärer Aussicht - wie die meisten Huts in NZ. Die Betreiber samt Antikatze sind gerade da. "You're keen mate. Was, bis hoch willst Du heute? (Kläff) Pass auf dass du nicht weggepustet wirst (Weff). Der obere Teil ist sehr exponiert (Schnüffel)." Aha. Einzelne Regentropfen gehen nieder, aber der Himmel sieht noch gut aus. Das Wasser kommt von sonstwo, denn der Wind böht mittlerweile bis zu 70km/h. Später sollen daraus noch 100 oder mehr werden, bevor von der Temperatur 15 Grad schlagartig subtrahiert werden und aus Sonne Regen und aus Regen Schnee wird. So ist das oft in NZ, "sommers" wie "winters". Aber bis dahin bin ich runter vom Berg, egal wie.

12.20 Uhr
Serpentinen durch Krüppelkieferforst, gepflanzt vom Department of Conservation, kurz DOC, zur Hangstabilisierung. Danach ein exponierter Sattel, wo es noch einmal ein paar Meter runter geht. Röhrender Wind von der Seite. In der Senke steht ein Schild: Altitude 1500m. Die letzten 100hm. Zeitlassen, sonst Herzkasper. Keine Ahnung wie man effektiv für sowas trainiert. Mit Sicherheit nicht im Bürostuhl. Ein weiches Schneefeld, 1m tief und mitten auf dem Weg, muss umstiegen werden, dann kommt der trigonometrische Punkt auf dem Gipfel in Sicht. Die Ohren knacken. Die Beine tun weh.

12.31 Uhr
1602m üNN. So das isser nu, Mount Fyffe.
Drei Stunden 15 brutto (incl. Röchel- und Fotopausen), reine Fahrzeit knappe zweieinhalb. Geht so. 360° Rundumblick, Meer auf der einen, Hochgebirge auf der anderen Seite. Der Wind wechselt zwischen nicht vorhanden und faustartigen Böen, die mehr mit der Druckwelle von Detonationen gemeinsam haben als mit einer verspielten Wettererscheinung. Zusammen mit der sehr ansehnlichen Höhe entsteht der Eindruck, auf der Tragfläche eines fliegenden Flugzeugs zu stehen (wenn man sich das Gras und die Bank weg- und einen Flugzeugrumpf dazudenkt, mit ungläubigen plattnasigen Gesichtern an den Fenstern). Die Klamotten flattern und knattern. Nach Süden geht der Blick zur Banks Peninsula, nach Norden - sehr diesig - bis zur Nordinsel. Die Kaikoura Plain mit ihren Schachbrett-Kuhweiden sieht aus wie eine Steppdecke. Dahinter die Küste mit der Kaikoura Peninsula und den winzigen Bugwellen der Whale Watching- Boote. Die Pottwale sind zu klein, um von hier gewatcht zu werden. Die Viecher entfernen sich x-mal am Tag so weit vom Meeresspiegel wie ich jetzt bin, nur eben nach unten, in den Kaikoura Canyon, auf der Jagd nach einer schlabberigen Tintenfischmahlzeit. Sagenhaft respektive igitt. Tinte in den Mundwinkeln nachm Essen.

13.20 Uhr
Das musste genossen werden, aber ich will heute noch an die West Coast. Die Kaskadenfahrt bergab nimmt ihren Lauf. Ein Luftschlag von rechts schickt mich aufs Geröll. Das ist trotzdem einfach nur schlechtes Gefahre meinerseits. Später gibts deswegen ein Hämatom kurz überm Knie. Egal, es wird talwärts geknüppelt wie selten. Kurven und Geraden, weiter unten grüne Röhre. Wie im Computerspiel. Das ist kein Downhill, das ist ein kontrollierter Absturz. Unterwegs 2x anhalten (50m Bremsweg und viehische Staubwolke), Felge abkühlen lassen, sonst womöglich BEFF! am Vorderrad mit Abflug ins Gestrüpp. Die Ohren knarzen und fiepen. Ich kenn welche, für die wäre die Abfahrt auch was. Der Hinterreifen ist bald Mode.

14.15 Uhr
Wieder am Strand. Gerade kommt der Bus mit einer Whale Watching-Gruppe vom Hafen zurück. Emsige Kameradisplay-Auswertungen bei vielen. Haben auch was erlebt heute, die Pottwale von Kaikoura sind gigantisch - aus der Nähe betrachtet. Die leere Wasserflasche im Rucksack ist lustig zusammengeknittert. Von weitem grüßt Mt Fyffe.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Na meine Fresse da packt uns wieder die Sehnsucht.Ähnlich plattnasige Gesichter wie im Bericht waren gerade von der Innenseite unseres Monitors zu sehen!
Spitze das!

mfG Mandy&Stefan

Lou Salomé hat gesagt…

na, du globetroddor. bisde ma wiedor ganz schön rumgekommn mit deinem glebbor. anerkennendes schuldorglopfn für die pigdschurs!
grooce nach unten
ines

kio17 hat gesagt…

und schon den queen charlotte track im plan?